Einführung

Verhaltene Unruhe

Auf den ersten Blick wirkt der Maler auf uns ausgeglichen, ja in sich ruhend. Was er sagt ist vernünftig und man fragt sich, wie denn dieser freundliche junge Mann mit den kontrollierten Bewegungen derart aufregende Bilder malen kann. Erst im Gespräch spüren wir seine Gespanntheit, die tiefsitzende zähe Kraft, die ihn weitertreibt von Bild zu Bild und ihn so unermüdlich werden lässt. Gefeit gegen Schlaf und Schwäche malt Christopher Lehmpfuhl fast täglich mehrere Stunden, er kennt keine Ruhe, den großen Vorwurf seiner Kunst muss er immer wieder neu beschwören. Wo er auch ist, in Australien, in Österreich, in Berlin, die Besessenheit treibt ihn weiter. Kein Wetter, nicht Wind noch Regen, kein Extrem, seien es steile Berge oder gefährliche Klippen, kann ihn aufhalten. Seine Malerei bricht sich Bahn wie ein Naturereignis.

Christopher Lehmpfuhls Kunst ist ganz in der Welt, er malt eine Straßenecke in Charlottenburg, die schneebedeckten Gebirge der Alpen, ein Rapsfeld in der Uckermark; alles, was er malt, hat er gesehen, als Sujet erkannt und im Bild dann verwirklicht. Dabei sind es oft unspektakuläre Motive, die er aussucht, eine Häuserecke, ein Teich, eine Wiese mit Sträuchern. Aber immer wird ein typischer Lehmpfuhl daraus.

Das Bild entsteht vor dem Motiv, wir sehen, ob es gerade regnet oder nur weiße Wolken vorbeiziehen, wir sehen auf dem Bild, ob es Mittag ist oder sich der Tag gegen Abend neigt, ob es gerade stürmt oder ob nur ein leichter Wind die Oberfläche des Meeres kräuselt. Wir erleben die Natur im Bilde mit, wir erleben Kunst mit dem Maler. Wir empfinden das Gleiche, was er dort empfindet, auch wie er sieht, sehen wir, und wir erkennen, wie gefährdet er beim Malen ist. Er kann leicht abstürzen. Und das ist die Faszination, die von diesen Werken ausgeht, das ist der zentrale Aspekt seiner Kunst: die offene ungeschützte Empfindung. Bei Schilderung der malerischen Vorgänge, der Intension, der handwerklichen Improvisation könnte genau so gut eine impressionistische Malerei gemeint sein, aber davon ist Christopher Lehmpfuhl weit entfernt. Er sieht wahrlich nicht mehr die heile Welt einer Freizeitgesellschaft, nicht die Valeurs von Kobaltblau zu Coelin im Himmel oder die kleinteiligen Stufungen im Grün der Bäume, er sieht den Aufstand der Dinge.

Hinter dem Maler liegen einhundertundzwanzig Jahre moderner Kunstgeschichte, die anfängt mit Vincent van Gogh, dem ersten Verbieger der Wirklichkeit. Hinter ihm liegt der Expressionismus der Brücke-Maler, liegen Munch, Soutine, liegen die englischen Maler Bacon, Auerbach, und die Auflösung der gesamten malerischen Welt im Informel und Abstrakten Expressionismus. Die wieder zusammengefügte Welt ist die Malerei des Christopher Lehmpfuhl. Er hat seine Malerei aus den übrig gebliebenen Stücken des Gegenständlichen zusammengesetzt. Seine Landschaften haben die ganze Zerrissenheit der letzteren Kunstgeschichte im Schlepptau. Der Maler kann gar nicht zurückgehen auf die guten alten Zeiten, denn die Bilder der expressionistischen Vorfahren haben unser Sehen, besonders aber das Sehen des Malers verändert: Der Maler ist jetzt zugleich Künstler und Medium geworden. Und so wirft er seine Gefühle ungebremst nach vorne, aufs Bild. Er sieht, wie gefährdet wir sind, sieht die schrägen Fassaden Berlins, den ultrablauen Himmel, das Wühlen der See, die taumelnden Menschen und die gebeugten Bäume, aber die Ruhe der Felder nimmt er nicht wahr. Er ist so geartet, dass er Stillstand und Ruhe nicht sehen kann. Seine Malerei kennt das sich selbst genügende Stillleben nicht. Allein mit diesem direkten Zugriff auf das für ihn Wesentliche erfüllt sich seine Botschaft. In diesem unmittelbaren Herangehen mit allen Mitteln (so malt er neuerdings, bei einem fortgeschrittenen Zustand des Bildes, mit den Händen weiter, ohne Pinsel oder Spachtel – trägt die Farbe mit den Händen auf, vertreibt, verwischt, zerfurcht sie) – in diesem Rausch der Farbe ist Christopher Lehmpfuhl eine neue Deutung der Welt zugefallen.

Ähnlich wie die alttestamentarischen Propheten, die nur eine einzige Botschaft ausriefen, hat er diese eine Malerei, doch die ist singulär in der heutigen Kunst. Sie ist nicht leicht verständlich, sie ist eher sperrig und manchmal wüst, sie rüttelt uns auf und verlangt Stellungnahme. Aber sie ist nicht leichtfertig, auf keinen Fall oberflächlich. Niemand weiß wohin uns diese Kunst führen wird, und das weiß auch der Maler nicht. Etwas Neues ist in die Welt gekommen, wir können es nicht deuten, nicht einordnen, wir müssen uns erst einmal einsehen.

Klaus Fußmann